Sklaverei im Imperium

Die Frage zur Sklaverei

Ein Wort des Eremiten an den Leser

Du kennst die Geschichtsbücher.
Auch ich kenne sie.

Ich habe sie gelesen, immer wieder, in stillen Stunden, in der Abgeschiedenheit meines Alters. Dort steht geschrieben, wie Sklaverei und Leibeigenschaft überwunden wurden – als Makel einer unreifen Menschheit, als Schatten einer Zeit, die wir hinter uns gelassen glaubten.

Und doch weisst du ebenso wie ich:
Der Imperator Aeternus, Rex Ordinis, Princeps Lucis, der uns zu den Dei Vetustorum zurückführte, hat die Sklaverei wieder eingeführt.
Nicht verborgen. Nicht halb. Sondern offen, rechtlich gefasst, sakral begründet.

Die dreizehnte Kaste – das Servitorium – umfasst das Servicrucium, die Servi, die Sklaven und die Servitii, die Leibeigenen.

Warum?

Du kennst die Antworten.
Sie werden uns gelehrt.
Sie sind Teil des Ordo Imperii, eingebettet in das Lux Deorum Vetustorum.

Und doch habe ich es gewagt, Fragen zu stellen.

Ich tue es jetzt, weil ich alt bin.
Weil mein Vergehen im Materium unausweichlich ist.
Und weil ich weiss, dass auch im Elysium jeder Gedanke seinen Preis fordert.


Vom Platz des Menschen im Kosmos

Du weisst:
Jeder Mensch hat seinen Platz im Kosmos – bestimmt durch seine kosmische Entwicklung. Jeder wird in jene Stellung geboren, die seiner Schwingung entspricht, mit der Möglichkeit, sich innerhalb einer Inkarnation weiterzuentwickeln.

Nicht darüber hinaus.

Einst glaubten Menschen, sie seien frei.
Sie nannten es freien Willen und meinten, er allein ermögliche alles. Doch wir haben gelernt, dass dies eine Illusion war.

Intelligenz unterscheidet sich.
Physisches Potenzial unterscheidet sich.
Psionische Latenz unterscheidet sich.

Und doch erklärten die Menschen diese Unterschiede zur „Individualität“. Sie machten aus Begrenzung eine Tugend – und aus Kritik daran ein moralisches Vergehen.

Heute hinterfragt niemand mehr die genetische Optimierung der Spezies.
Und dennoch existieren Unterschiede. Besonders dort, wo es zählt: in der psionischen Begabung. Manche erreichen das Niveau der Superiores, bei denen Latenz nicht mehr existiert – sie sind Psioniker.

Grenzen wurden aufgehoben.
Neue sind entstanden.

Jeder von uns besitzt heute den Intellekt, um Wissenschaft zu begreifen. Doch Innovation entsteht nicht aus Intellekt allein. Sie verlangt Intuition. Die Fähigkeit, Pfade zu sehen, die Logik und Mathematik nicht offenbaren.

Das ist der obere Pfad.

Doch frage ich dich:
Was ist mit dem Unteren?


Warum gibt es Sklaven?

Viele glauben, das Imperium habe seine eigenen Civiani (Bürger) versklavt.
Das ist falsch.

Es ist juristisch nahezu unmöglich, aus einem Civiani einen Servus zu machen. Wohl aber einen Servitii. Diese Strafe trifft jene, die das Recht verwirkt haben, unter freien Civiani zu gehen.

Wer die Privilegien seines Ordonatiums (Kaste) verliert, kann kein Civiani bleiben.
Er wird zum Servitus – so wie ein Gefangener seine Bürgerpflichten verliert, weil er sie nicht mehr erfüllen kann.

Die Servi hingegen stammen aus unterworfenen menschlichen Spezies.
Jenen, die einst durch die Portae Deorum in den Kosmos gesandt wurden – und die die Dreistigkeit besassen, sich dem Imperator Aeternus zu verweigern.

Ihre Sklaverei ist Strafe.
Für den Ungehorsam.
Für die Weigerung, den Imperator anzuerkennen.
Für den Bruch des göttlichen Willens.

Denn als der Imperator sich erhob, war jeder Mensch verpflichtet, ihm zu folgen.


Die blutige Wahrheit

Bis hierhin folge ich der Logik.
Und vielleicht tust du es auch.

Doch hinter der Sklaverei liegt eine Wahrheit, die nicht verschleiert werden kann:
Die Dei Vetustorum verlangen Leben – Lebenskraft.

Es gibt viele Wege, sie zu spenden:
im rituellen Liebesspiel, durch den Samen des Mannes, durch Blut, das im Vergehen gegeben wird.

Einst waren die Sacrificia Sanguinis Mortis selten.
Heute sind sie allgegenwärtig.

Servi sterben für Fruchtbarkeit, für Erntezyklen, für den Wohlstand ihrer Domini.
Es ist eine Opferindustrie – anders kann ich es nicht nennen.

Menschen unserer Art besitzen eine natürliche Lebenserwartung von tausend Jahren.
Kaum ein Servus erreicht auch nur einen Bruchteil davon.

Mit der Vollendung des kosmischen Chakras – Mittefünfzig oder sechzig Lebensjahre – endet ihr Weg. Viele früher.
Ihre Energiestruktur wird geschliffen, ihr Geist abgestumpft, ihr Ende vorbereitet.

Ist das Grausamkeit?
Oder nur der Preis ihres rechtlosen Daseins?

Es gibt Menschen, die geboren werden, um verwendet zu werden.
Ihre Existenz dient dem rituellen Nutzen oder der Lust anderer.

Was sagt das über uns?


Ein unausgesprochener Widerspruch

Wir wissen, dass es Alternativen gibt.
Wir wissen, dass Lebenskraft auch ohne Blut fliessen kann.

Warum also der Tod?

Befürworter sagen, der Fluss eines Sacrificium Sanguinis Mortis sei einzigartig.
Doch was ist mit der Explosion der Schöpfungskraft im Höhepunkt des Liebesspiels?
Ein einzelner Akt mag den Tod nicht aufwiegen – doch Menschen können ihn unzählige Male wiederholen, solang sie leben.

Und doch halten wir fest an der Klinge.

Wir sagen, die Niederen müssen dienen, um sich erheben zu können.
Doch wir wissen ebenso: Es ist nicht gewollt.

Die Arcanum Deorum Vetustorum pflegen ihre Servi sorgsam.
Nicht, damit sie aufsteigen – sondern damit ihre Ens Lucis nicht entweichen.
Ihre Kraft ist zu wertvoll.

Und der Imperator selbst?

Er verweigert sich dieser Ordnung.
Die Servi Cynerĩcorum werden niemals frei. Sie sind seit über einundsiebzigtausend Jahren gepflegt, gebunden an die Herrscherdynastie.

Niemand hinterfragt es.
Warum auch?
Das Lux Imperatoris schützt uns alle.


Das Mandatum Domini

Hier liegt der Kern, den ich dir nicht verschweigen will.

Servi stehen unter dem Mandatum Domini – dem Schicksal der Gebieter.
Civiani stehen unter dem Mandatum Deorum – dem Schicksal der Götter.

Wir nehmen einem Teil unserer Art das Wichtigste:
das Recht auf ein eigenes Schicksal.
Auf Entwicklung.
Auf den Pfad der Reinkarnation und der Aszension.

Der Imperator lehrte uns, dass wir uns über viele Leben hinweg schmieden.
Dass am Ende das Nobilitarium wartet, in dem der Mensch final geformt wird.
Dass die Ordo Ordonatiorum notwendig ist, um Ordnung ins Chaos zu bringen.

Und doch:
Wir entziehen den Servi genau diese Grundlage.


Was sagt das über uns, Leser?

Dass wir Ordnung über alles stellen?
Oder dass wir bereit sind, das Heiligste zu opfern, um uns sicher zu fühlen?

Ich stelle nur die Frage.
Ich gebe keine Antwort.

Denn meine Zeit vergeht.

Der Eremit

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